Einen Hund aus zweiter oder dritter Hand zu übernehmen, ist meistens eine Bauchentscheidung. Man möchte helfen. Man möchte einem Tier endlich das Zuhause geben, das es verdient. Und das ist eine wunderschöne Sache.
Aber: Über die Schattenseiten wird viel zu selten gesprochen.
Vor kurzem schrieb mir jemand:
„Wir haben einen Mischling aus Schweizer Sennenhund und Labrador. Wir sind die dritten Besitzer. Er ist jetzt 20 Monate alt und seit 8 Monaten bei uns. Er zieht wie wild an der Leine und verbellt alles, was sich bewegt, alte Menschen, Radfahrer, andere Hunde. Wie bekommen wir ihn in den Griff? Es ist im Alltag gefährlich.“
Diese Nachricht trifft genau den Punkt, den ich in meiner Arbeit immer wieder erlebe. Ein Hund, der mit knapp zwei Jahren schon den dritten Besitzer hat, bringt fast immer eine Geschichte mit. Und diese Geschichte zeigt sich später im Verhalten.
Warum Hunde aus 2. oder 3. Hand oft besondere Themen mitbringen
Ein junger Hund, der bereits mehrfach abgegeben wurde, hatte selten einen ruhigen, stabilen Start.
Klar, es gibt Ausnahmen. Manchmal wird ein Vorbesitzer schwer krank. Manchmal stirbt jemand. Manchmal verändern sich die Lebensumstände so radikal, dass der Hund einfach nicht mehr bleiben kann. Das kommt vor, und das ist eine andere Geschichte.
Häufiger höre ich aber Sätze wie:
- „Wir haben plötzlich eine Allergie festgestellt.“
- „Wir haben einfach keine Zeit mehr.“
- „Er passt doch nicht zu uns.“
- „Er ist zu lebhaft.“
Hinter solchen Aussagen verstecken sich oft Probleme, die schon vorhanden waren. Nicht weil der Hund schlecht ist. Sondern weil dieser Hund gelernt hat, dass Menschen kommen und gehen. Dass Vertrauen brüchig ist. Dass es keine verlässliche Führung gibt.
Und genau das nimmt er mit ins neue Zuhause.
Warum zieht so ein Hund wie verrückt an der Leine?
Wenn ein Hund extrem an der Leine zieht, ist das selten reine Erziehungssache. Meistens steckt etwas anderes dahinter.
Innere Unruhe zum Beispiel. Oder Überforderung. Oft auch der Versuch, selbst Verantwortung zu übernehmen, weil der Mensch am anderen Ende der Leine keine klare Richtung vorgibt. Dazu kommen aufgestaute Energie, Unsicherheit und das Gefühl, ständig auf der Hut sein zu müssen.
Viele Hunde denken draußen ungefähr so: Wenn hier keiner führt, mache ich das eben selbst.
Und dann übernehmen sie. Sie gehen vor, sie scannen die Umgebung, sie kommentieren alles, was sich bewegt, sie ziehen, sie reagieren. Das ist anstrengend für den Hund. Und natürlich auch für den Menschen.

Warum verbellt er alles, was sich bewegt?
Radfahrer, Jogger, andere Hunde, ältere Menschen, jedes vorbeifahrende Auto. Wenn dein Hund auf alles reagiert, kommen meistens mehrere Faktoren zusammen.
Da ist das Kontrollverhalten. Der Hund versucht, seine Umwelt zu regulieren, weil sie ihm zu unberechenbar erscheint.
Dazu kommt oft Unsicherheit. Was sich schnell bewegt, erzeugt Stress, und Stress entlädt sich in Bellen.
Dann fehlt häufig die Führung. Wenn der Mensch nervös wird, sobald ein Radfahrer auftaucht, übernimmt der Hund. Er spürt die Anspannung an der Leine sofort.
Und nicht zuletzt ist das Bellen oft erlernt. Wenn es in der Vergangenheit funktioniert hat, etwa weil der Radfahrer ja tatsächlich verschwunden ist, dann wird das Verhalten verstärkt.
Was du jetzt auf keinen Fall tun solltest
Aus Verzweiflung machen viele Halter genau das Falsche. Sie korrigieren ständig. Sie schimpfen. Sie üben mehr Druck aus. Sie laufen stundenlang spazieren, in der Hoffnung, den Hund müde zu machen. Sie geben pausenlos Kommandos.
Das Ergebnis ist meistens das Gegenteil von dem, was man sich erhofft. Denn ein gestresster Hund braucht keinen zusätzlichen Druck. Er braucht Klarheit, Sicherheit, Struktur und Entlastung.

Mein erster Rat: Fang zu Hause an
Das klingt zunächst widersprüchlich, weil das Problem ja draußen passiert. Aber die Lösung beginnt fast immer drinnen.
Gib deinem Hund feste Plätze. Nicht überall liegen. Nicht ständig hin und her wechseln. Idealerweise ein bis zwei klar definierte Ruheplätze, ruhig gelegen, nicht mitten im Durchgangsbereich.
Warum ist das so wichtig? Weil viele aufmerksame Hunde ihre Menschen rund um die Uhr im Blick behalten. Sie laufen hinterher, sie beobachten alles, sie wechseln den Liegeplatz alle paar Minuten. Das bedeutet Dauerstress, für den Hund genauso wie für den Menschen.
Ein klarer Ruheplatz nimmt diese Anspannung raus.
Ist es okay, den Hund im Haus anzuleinen?
Bei manchen Hunden macht es zu Beginn tatsächlich Sinn, sie für kurze Zeit am festen Platz anzuleinen. Sicher, ruhig, ohne Druck.
Das ist keine Strafe. Es ist eine Hilfestellung. Damit der Hund runterkommt. Damit er nicht ständig folgt. Damit er lernt, abzuschalten. Und damit auch der Mensch wieder durchatmen kann.
Gerade Hunde, die sich für alles verantwortlich fühlen, profitieren enorm davon.
Weniger Spaziergänge, nicht mehr
Auch dieser Punkt überrascht viele. Aber überleg mal: Wenn jeder Spaziergang eskaliert, dann trainierst du das Problem täglich mit. Du wiederholst es. Du verfestigst es.
Es kann also sinnvoll sein, vorübergehend kürzer rauszugehen. Zu Zeiten, in denen wenig los ist. Begegnungen erst einmal vermeiden, statt sie auszuhalten. Qualität vor Quantität.
Ein ruhiger 20-minütiger Spaziergang ohne Eskalation bringt deinem Hund mehr als zwei Stunden Dauerstress.
Mein Lieblingstipp: Futter in die Wiese streuen
Diese Übung kostet fast nichts und wirkt unglaublich gut.
Nasenarbeit senkt den Stress, beruhigt den Puls, macht zufrieden, fokussiert und lastet den Hund geistig aus. Ein Hund, der sucht, kann nicht gleichzeitig kontrollieren.
So machst du es:
- Eine Handvoll Trockenfutter oder kleine Leckerli in Gras oder Wiese streuen.
- Den Hund in Ruhe suchen lassen.
- Selbst entspannt dabeistehen, nicht antreiben, nicht hetzen.
Im Wald funktioniert das genauso gut. Zehn Minuten Schnüffeln entspannen viele Hunde mehr als eine Stunde Gassi.
Hundesprache verstehen statt ständig trainieren
Das größte Problem ist oft nicht der Hund. Sondern dass wir Menschen sein Verhalten falsch lesen.
Wir sehen Dominanz, wo eigentlich Stress ist. Wir sehen Sturheit, wo eigentlich Überforderung ist. Wir sehen Provokation, wo eigentlich Unsicherheit ist.
Wenn du anfängst, Hundesprache zu verstehen, verändert sich der Umgang mit deinem Hund grundlegend. Du reagierst nicht mehr auf das Symptom, sondern auf das, was dahintersteckt.

Warum gerade Hunde aus mehreren Händen oft Leithunde sind
Viele dieser Hunde sind extrem wach, intelligent und feinfühlig. Ich nenne sie oft Leithunde.
Damit meine ich nicht „dominant“ im alten Sinne. Sondern Hunde, die schnell Verantwortung übernehmen. Die mitdenken. Die alles beobachten. Die sofort reagieren, wenn sie Schwäche oder Unsicherheit beim Menschen wahrnehmen.
Wenn so ein Hund in unerfahrene oder unsichere Hände kommt, entstehen Probleme fast zwangsläufig.
Ein realistischer Schritt-für-Schritt-Plan
In den ersten ein bis zwei Wochen geht es nur um Ruhe. Klare Plätze im Haus. Reize draußen reduzieren. Futter suchen lassen statt powern.
In Woche drei und vier kannst du die Spaziergänge bewusster gestalten. Kurze Einheiten. Fokus auf Orientierung am Menschen. Begegnungen lieber ausweichen, statt sie zu erzwingen.
Danach geht es darum, Vertrauen aufzubauen, deine Führung zu festigen, deine Körpersprache zu verbessern und deinen Hund Stück für Stück zu entlasten.
Das ist kein Drei-Tage-Programm. Aber es ist ein Weg, der wirklich funktioniert.
Was du emotional verstehen darfst
Dein Hund ist nicht gegen dich. Er ist nicht böse. Er ist nicht kaputt.
Er hat einfach zu oft erlebt: Ich muss selbst schauen, wie ich klarkomme. Und genau das zeigt er dir jetzt.
Wenn du das verstehst, kannst du anders auf ihn reagieren. Nicht mehr wütend. Nicht mehr hilflos. Sondern führend, ruhig und verlässlich.
Häufige Fragen zu Hunden aus dritter Hand
Ist ein Hund aus dritter Hand schwieriger?
Oft ja. Es sind meistens Erfahrungen, Unsicherheiten und Verhaltensmuster vorhanden, die erst verstanden und aufgelöst werden müssen.
Kann man das überhaupt noch ändern?
Ja, eindeutig. Mit Geduld, Klarheit und der richtigen Führung verändert sich vieles.
Wird so ein Hund jemals wirklich ruhig?
Sehr oft ja, sobald er Verantwortung abgeben darf.
Helfen lange Spaziergänge?
Meistens nicht. Oft sogar im Gegenteil, weil sie den Hund zusätzlich aufdrehen.
Was ist wichtiger als Training?
Beziehung, Energie und Struktur. In genau dieser Reihenfolge.
Fazit
Wenn du einen Hund aus zweiter oder dritter Hand übernimmst, holst du nicht nur ein Tier zu dir. Du übernimmst seine Geschichte, seine Erfahrungen, seine Unsicherheiten. Aber auch sein Potenzial.
Mit Ruhe, Verständnis und klarer Führung wird aus einem sogenannten „Problemhund“ oft genau das, was du dir gewünscht hast: ein treuer, starker, verlässlicher Begleiter.
Du möchtest Hilfe mit deinem übernommenen Hund?
Dann fang an der wichtigsten Stelle an: Lerne, wie Hunde wirklich denken und kommunizieren. Sobald du das verstehst, wird vieles plötzlich logisch, was vorher nach reinem Chaos aussah.
Genau dafür habe ich mein Hundesprachprogramm entwickelt.












